FKV @ Weltmuseum

Im Weltmuseum Wien begegnen die Besucher_innen vielen unbekannten und mysteriösen Objekten. Oft werfen sie Fragen auf: woher kommt ein Objekt und wie gelangte es ins Museum? Wer hat einen Anspruch darauf, wo und wie soll es ausgestellt werden? Das Team der Kulturvermittlung stellt sich mutig diesen Fragen und begegnet ihnen mit Einfallsreichtum, Humor und Lust am Diskutieren.

Begegnung mit Menschen und Objekten

Im Kaleidoskop, dem Workshopraum des Weltmuseums empfängt uns fast das ganze Vermittlungsteam: Irina Eder, Pia Razenberger, Muhamet Ali Bas, Gerhard Kirsch, Mela Maresch, Lea Nagel und Petra Fuchs-Jebinger. Sie erzählen aus ihrem Arbeitsalltag und stellen uns das Vermittlungsprogramm vor. Der Raum ist bunt gestaltet, Kinderzeichnungen und Collagen zieren die Wände, zwischen Pinseln, Farben und Boxen mit Materialien sitzt ein goldener Buddha. So bunt und abwechslungsreich wie dieser Raum ist auch das Angebot der Kulturvermittlung: in Workshops und Führungen können Kinder, Jugendliche und Erwachsene das Museum aus verschiedenen Perspektiven entdecken.

Weltmuseum Wien (1)

Wir dürfen ein Vermittlungsprogramm ganz direkt erleben: beim Object Speed-Dating kommen die Besucher_innen über rätselhafte Objekte ins Gespräch. Gemeinsam darf geraten, diskutiert und auch frei assoziiert werden. Was ist diese runde Figur mit den weit aufgerissenen Augen, die nur aus einem Kopf zu bestehen scheint? Für was kann man wohl einen Stachelschweinstachel verwenden und wie hat das Stachelschwein diesen überhaupt verloren? Ist dieses kugelige Objekt eine Wasserflasche? Der Raum füllt sich mit den wildesten Spekulationen, während wir nicht nur die Objekte sondern auch die anderen Teilnehmer_innen besser kennen lernen.

Die Auflösung folgt am Schluss: die runde Figur ist ein „Daruma“, ein sehr beliebter japanischer Glücksbringer aus Pappmaché – er ist einem Mönch nachempfunden, der so lang meditierte, dass ihm Arme und Beine abfielen und funktioniert ein bißchen wie ein Stehaufmännchen. Der Stachel des Stachelschweins wird eingeweicht, gefärbt und zu Perlen zerschnitten auf Kleidungsstücke genäht und für Schmuck verwendet. Die Kalebasse wird in Mexiko als Wasserflasche verwendet, komplett mit einem Verschluss aus Maiskolben – das sieht nicht nur sehr schön aus sondern wäre auch die Lösung für unser Plastikflaschen-Problem! Und schon sind wir mitten im Diskutieren, haben nach kurzer Zeit mehr über die Objekte im Museum gelernt als nur durch passives Zuhören.

Museumsbesuch mit allen Sinnen

Die vielen hundert Objekte des Museums, die zum Teil sogar vom Personal noch erforscht werden müssen, eignen sich wunderbar, um das Publikum zu aktivieren. Im Vermittlungsraum stehen nach Räumen geordnete Boxen mit Materialien, die auch bei den Führungen zum Einsatz kommen. Im Gegensatz zu den in den Vitrinen ausgestellten Schätzen dürfen die Besucher_innen hier mit allen Sinnen entdecken: Fühlen, Hören, Riechen, Schmecken – so stellen sich ganz schnell Assoziationen her, der Zugang wird erleichtert. Um über die Objekte zu sprechen, eignen sich am besten Fragen wie „Wofür könnte man das verwenden?“ – das öffnet den Raum für Fantasie, hebelt Ängste aus, etwas wissen zu müssen und führt oft zu lustigen oder berührenden Ergebnissen.

Weltmuseum Wien, Oktober 2019

Die Frage als Methode

Ethnographische Museen sehen sich heute vor der Aufgabe, nicht nur die Geschichten hinter den ausgestellten Objekten, sondern auch ihre eigene Geschichte zu hinterfragen. Wie kam die Sammlung zustande? Woher stammen die Ausstellungsstücke und wer hat ein Anrecht auf diese? Das Weltmuseum stellt sich diese Fragen und weicht auch den unangenehmen nicht aus. Das koloniale Erbe wird in den Räumen selbst thematisiert, mal deutlich als eigener Themenraum, mal subtiler in den Raumtexten und natürlich besonders im Vermittlungsprogramm. Wer heute das Museum besucht, den erwartet keine Präsentation „fremder“ Kulturen, sondern eine differenzierte Auseinandersetzung mit unserem kulturellen Erbe – und viele offene Fragen. Die Frage als Methode der Vermittlung hilft, nicht einfach vorgefertigte Antworten zu servieren, sondern im offenen Dialog mit dem Publikum, selbstkritisch und auch humorvoll an Themenkreise heranzugehen.

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Ein Kopfschmuck scheidet die Geister

Besonders evident wird das beim berühmtesten Objekt des Museums: dem Quetzalfeder-Kopfschmuck aus Mexiko. Unter welchen Umständen er im 16. Jahrhundert nach Österreich kam, ist nicht bekannt: war es ein Geschenk oder Raub? Die beeindruckende Krone besteht aus hunderten Vogelfedern, mehr als tausend Goldplättchen und ist hochgradig fragil – was die Frage besonders heikel macht, ob der Kopfschmuck nach Mexiko restituiert werden soll. Es gibt immer wieder Forderungen nach einer Rückführung dieses für die Mexikaner_innen identitätsstiftenden Objekts, andererseits wurde inzwischen eine Übereinkunft mit dem Museo Nacional de Antropología in Mexico City erreicht, dass ein Transport zu gefährlich wäre und die Krone daher in Wien verbleiben soll.

Um Schulklassen die Komplexität des Themas selbst erleben zu lassen, dürfen sie vor der Federkrone auf Bänken Platz nehmen und in einem Rollenspiel verschiedene Sichtweisen vertreten: ob als mexikanische Botschafterin oder österreichische Restauratorin, Besucher_in aus Mexiko oder Mexikaner_in ohne die Möglichkeit zu reisen – wichtig ist den Vermittler_innen, dass die Stellvertreterrolle sowohl des Objekts als auch der Personen klar wird. Es geht nicht darum, ein bestimmtes Objekt zurückzugeben oder einer Person die Reise nach Österreich zu ermöglichen, sondern um zugrunde liegende Fragen dieses Konflikts.

Fazit

„Es geht um Menschen“ ist der Wahlspruch des Weltmuseums seit der Wiedereröffnung im Oktober 2017 – wer davor einmal, etwa im Rahmen eines Schulausflugs, im damals noch „Völkerkundemuseum“ genannten Haus zu Besuch war, kann bestätigen, dass es funktioniert. Wo vorher das Zeigen von Kulturen der „Anderen“ im Gegensatz zu unserer eigenen herrschte, steht heute der Dialog im Mittelpunkt. Und auch wenn dieser Dialog ein Ausstellungsobjekt zum Thema hat, begegnen wir doch immer den Menschen, die es hergestellt haben, es benutzen – und letztendlich uns selbst.

Wer Lust bekommen hat: das Object Speed -Dating findet das nächste Mal am 29. November 2019 um 18 Uhr in der Sonderausstellung The Majlis statt!

Links

www.weltmuseumwien.at

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