Die Wanderung der Ziegel

Eine Führung durch das Ziegelmuseum Wien

12.600 Ziegel umfasst die Sammlung des Ziegelmuseums – mit steigender Tendenz: denn jede_r ist herzlich eingeladen, außergewöhnliche Ziegel vorbeizubringen.

Museumsleiter Dr. Gerhard Zsutty führte am Tag der Wiener Bezirksmuseen (11. März 2018) durch sein Reich. Ein einmaliges Erlebnis, das Expert_innenwissen auf höchstem Niveau, absolute Leidenschaft und Begeisterung für das Forschungsfeld, einen authentischen Vermittlungszugang und unterhaltsame Anekdoten aus der Zeitgeschichte und der persönlichen Forschungslaufbahn verband.

Die Führung umfasste alle Bereiche des Museums: die Geschichte der Ziegelei, verschiedene Ziegelarten und -formen, diverse historische und aktuelle Herstellungsverfahren, soziale und kulturelle Kontexte der Ziegelei sowie eine Besichtigung der umfangreichen Ziegel-Schausammlung mit Ausführungen zu einzigartigen Exponaten.

Ziegelmuseum_Schlittenpresse für Preßdachziegelherstellung um 1850
Ziegelmuseum Wien, Schlittenpresse für Preßdachziegelherstellung um 1850

Wanderung der Ziegel

Der Rundgang startete im ersten Raum des Museums mit der Geschichte der Ziegelei. Diese reicht ganze 9.400 Jahre zurück: damals wurde auf der anatolischen Hochebene auf dem Hügel Çatalhöyük mit dem Bau der ersten Stadt aus Ziegeln begonnen.
Der nächste Abschnitt in der Geschichte der Ziegelei führt nach Babylon. Dort waren gebrannte Ziegel in den Außenmauern der Gebäude verarbeitet. Verlegt wurden sie mit Bitumen, also Asphalt. Dafür gab es im Irak natürliche Quellen.

Ziegelmuseum_HistorischerPlan
Ziegelmuseum Wien, Wanderung der Ziegelei

Von den Babyloniern übernahmen die Griechen die Ziegel und verarbeiteten diese in ihren Tempeln. Über die Etrusker kam der Ziegel schließlich zu den Römern: weshalb sich auch im Pantheon gebrannter Ziegel (27 v. Chr.) finden lässt. Ziegel für Zweckbauten gab es ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. Mit der Völkerwanderung und dem Auszug der Römer ging das Wissen um die Ziegel verloren. Bis ins 12. Jahrhundert gibt es bei uns keinen Nachweis einer Ziegelei. Erst die Kloster-Gründungen haben uns den Ziegel zurückgebracht.
Eindrucksvoll in der Michaelerkirche zu bewundern, die romanische Ziegel aufweist: ihr Chor wurde aus Ziegeln gebaut. Seine Neuartigkeit als Baumaterial verdankt der Ziegel seine damalige Beliebtheit. Auch in der Gozzoburg in Krems finden sich Ziegel.

Alle Entwicklungsschritte sind im Museum auf einer – analogen –  wandgroßen Karte eingezeichnet, mit sehr viel Liebe zum Detail.  Digitale Ergänzungen werden – v.a. Dank der Erklärungen des Museumsleiters – bei den Teilnehmer_innen nicht vermisst.

Ziegeleien in Wien

Ein Teil der Ausführungen des Museumsleiters widmete sich der Ziegeleien in Wien. Erstaunlich, wie spannend und ansteckend so ein eher staubiges Thema vorgetragen werden kann 😉

Ziegelmuseum_WienDetail
Ziegelmuseum Wien, Ziegelöfen Wien 1764-74

Wir lernten, dass der Ziegel in Wien seit 1.220 eingesetzt wirt. Insgesamt war Wien und ihr Umfeld voll von reichhaltigem Ton. Am Wienerberg finden sich große Tonvorkommen, aber auch in der Innenstadt wurde lange und viel abgebaut. Viele Wiener Bauten sind wortwörtlich aus ihrem eigenen Untergrund entstanden, wie z. B. die Karlskirche.
Anhand eines großen Plans werden die Standorte der historischen Ziegelöfen visuell dargestellt. Der Museumsleiter höchstpersönlich hat auf einer historischen Stadtansicht aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts die Brennereien eingezeichnet. Der Plan klärt die Besucher_innen zudem auf, warum zwischen der Gumpendorfer Straße und der Mariahilfer Straße heute so große Höhenunterschiede zu überwinden sind: der Grund liegt in den Ziegelöfen auf der Laimgrube. Die Geländestufen, die durch die Materialabgrabungen entstanden sind, werden heute durch mehrere Stiegen (z. B. Rahlstiege, Fillgraderstiege und Stiegengasse) verbunden.

Ziegelnormung

Die Normung der Ziegel kam nach der zweiten Türkenbelagerung 1683 auf. Die Inzersdorfer Herrschaftsziegelei war damals die größte Ziegelei. Sie verfügte jedoch nicht über die für alle damaligen großen Bauvorhaben notwendigen Kapazitäten. Deshalb wurde eine Normung eingeführt um Ziegelaufträge an verschiedene Brennereien geben zu können. Prinz Eugen spielte hierbei eine große Rolle. Die Normung war: 29 cm lang, 14 cm breit, 6 bis 7 cm dick. Aber wie Ziegel im Museum zeigen, wurden diese Zahlen sehr tolerant gehandhabt. Prinz Eugen ließ übrigens beim Baugrund des Belvederes eine Ziegelei errichten. Das war damals nicht unüblich…

Detektivarbeit in der Ziegelforschung

Manchmal kommen Ziegel in die Hände des Museumsleiters. Hersteller unbekannt sind. Diese gilt es zu identifizieren. Besonders spannend war sie Spurensuche bei einem Ziegel aus dem Justizpalast. Mittels der Zeichen auf dem Ziegel und einer intensiven Recherchearbeit wurde das Rätsel schließlich gelöst.

Ziegelmuseum_Justizpalast
Ziegelmuseum Wien, Erste Bösinger Ziegelfabrik

Die Zeichen auf den Ziegeln können sehr viel bedeuten. So tragen manche Ziegel Schutzzeichen: eine Hundepfote soll anstelle eines lebenden Hundes das Haus beschützen. Andere Zeichen weisen auf den Hauptberuf von Nebenerwerbs-Zieglern hin. Denn viele Ziegler waren nur nebenbei im Ziegelbusiness – hauptberuflich waren sie Maurer, Müller o. ä. Das bedeutet für den Ziegelforscher: er/sie muss sich mit allen Sparten der Kultur beschäftigen um solche Rätsel lösen zu können.

Ziegelmodel

Sehr interessant sind auch die ausgestellten Ziegelmodeln. Es gibt vielfältig dekorierte für normale Ziegel, aber auch solche für besondere Anlässe, wie den Gülle-Ziegel oder den Futtertrog-Ziegel.

Ziegelmuseum_Model
Ziegelmuseum Wien, Ziegelmodel

Ziegelbrennöfen

Im nächsten Raum zeigt der Museumleiter verschiedene Ziegelöfen und deren Entwicklung. Kleine Modelle stellen die Öfen dar: Römischer Ziegelofen, Zick-Zack Ofen, der so wichtige Hoffmanscher Ringofen (1856 in Wien entwickelt, eine Revolution, weil er sechs Einzelöfen verbindet, wodurch das Brennen schneller vonstatten ging) und der Tunnelofen. Der, wie wir erfahren, heutiger Stand der Technik ist.

Ziegelmuseum Wien, Modell Röhrenofen, März 2018
Ziegelmuseum Wien, Modell Röhrenofen, März 2018

Fazit

Ein nicht-alltägliches Museumserlebnis, das die Zeit zurückzudrehen scheint. Analoge (selbstgemachte) Wandkarten, liebevolle Details in der Präsentation und eine sehr persönliche Handschrift zeichnen die Institution aus.

Analog / Digital: Der Rundgang zeigte, dass mit Hingabe gemachte analoge Präsentationen manchmal ausreichend sein können. V.a. in Verbindung mit einer Führung, die den Teilnehmer_innen Dialogmöglichkeiten bietet.

Dialogpotential: vorhanden (manchmal nur etwas gemindert durch den begeisterten Redefluss des Museumsleiters)

Zugang: inhaltlich für erfahrene Ziegler_innen, Fans der Ziegelei und absolute Ziegelneulinge geeignet. Fachbegriffe werden erklärt bzw. besteht die Möglichkeit bei Unklarheiten nachzufragen.
Das Textmaterial beschränkt sich jedoch auf die deutsche Sprache. Also am besten eine_n Dolmetscher_in mitbringen, falls ein anderer sprachlicher Zugang gefordert ist…
Die physische Barrierefreiheit ist eingeschränkt gegeben.
Ein virtueller Zugang ist nicht vorhanden.

Ziegelmuseum Wien
Penzinger Str. 59, 1140 Wien
Öffnungszeiten: 1. und 2. Sonntag im Monat, 10 bis 12 Uhr. Feiertage, Juli und August geschlossen. Freier Eintritt

Ziegelmuseum Wien, März 2018

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