Kulturvermittlung in Marrakesch

Marrakesch ist bekannt für seine bunte, lebhafte Medina (Altstadt) mit ihren Souks (Märkten), Riads (Haus bzw. Stadtpalast mit Garten) und Dars (Haus in der Altstadt ohne Garten). Die als UNESCO Weltkulturerbe ausgezeichnete Altstadt und die sie umgebende neue Stadt bieten eine Fülle an historischen Stätten, Museen und Galerien. Die Institutionen spiegeln dabei die Diversität bzw. die vielfältigen – oftmals gegensätzlichen und parallel existierenden – Sphären der gesamten Stadt wider: kulturell, sprachlich, infrastrukturell und professionell.

Neu eröffnete Museen wie das Musée Yves Saint Laurent Marrakech oder das Dar Si Said – National Museum of Weaving and Carpets erfüllen internationale Standards. Andere wie etwa das Musée Tiskwin – Collection Bert Flint und das Musée de Marrakech – Fondation Omar Benjelloun zeichnen sich durch einen sehr individuellen Charakter aus und haben sich seit ihrer Gründung scheinbar wenig weiterentwickelt.

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Was fast allen Kulturinstitutionen gemeinsam ist: Kulturvermittlung in Form von geführten und dialogorientierten Formaten – Führungen, Workshops, Gespräche – findet wenig bis gar nicht statt. Programme für Touristen sucht frau/man in den Museen vergeblich, Handouts und moderne Saaltexte und Labels sind bei ca. 50% der Häuser vorhanden und dann sehr oft nur in französisch. Das mag womöglich daran liegen, dass die meisten Besuchenden mit privaten Guides die Stadt erkunden und diese auch in den Kulturinstitutionen führen dürfen. Wer also auf einen eigenen Fremdenführer verzichtet, sollte entweder französisch sprechen oder bei einer anderen Gruppe und ihrem Guide – auf freundliche Nachfrage natürlich – partizipieren. Das ersetzt freilich kein institutionelles Vermittlungsangebot, ist aber oft der einzige Weg zur Informationsbeschaffung.

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Ein sehr spezielles Museum ist das Musée Tiskwin – Collection Bert Flint. Es zeigt die Sammlung des Ethnologen Bert Flint (er lebt heute noch in Marrakesch). Bert Flint reiste ab 1957 in neun Etappen zwischen von Marraktsch nach Timbuktu um die Kultur und die Geschichte der Amazigh-Berber festzuhalten. Das Museum ist in einem schönen alten Stadtpalast untergebracht und besteht aus vielen vollen kleinen Räumen, in denen ein aufgebautes Tuareg Zelt, Vitrinen und Arrangements mit Reit- und Kochinventar, Fotos, Schmuck und Kleidung die Reiseroute nachstellen.

Musée Tiskwin – Collection Bert Flint
Musée Tiskwin – Collection Bert Flint, 2018

Die Texte sind bis auf die Betitelung der Räume in vor allem in Französisch und scheinen noch aus der Eröffnungszeit zu stammen (1980er Jahre). Für West-Europäer_innen – besonders jene, die im Kulturbereich arbeiten – etwas problematisch ist die fehlende Transparenz und Provenienz der Ausstellungsobjekte, die auf den ersten Blick kein Thema ist (zumindest nicht in englisch). Auch der Geruch in manchen Räumen ist manchmal etwas befremdlich.

Musée de Marrakech – Fondation Omar Benjelloun
Musée de Marrakech – Fondation Omar Benjelloun, 2018

Eine Wunderwelt der anderen Art erschafft das Musée de Marrakech – Fondation Omar Benjelloun, das einen historischen Überblick über lokales Handwerk, Kleidung, Schmuck und Musik bis hin zu zeitgenössischer Kunst aus Marrakesch zeigt. Die großen Saaltexte sind auch in Englisch, so wird zumindest die grobe Orientierung gesichert. Besonders sehenswert ist das Museum aber aufgrund seines atemberaubenderen Innenhofes.

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Das Dar Si Said – Marrakech Moroccam Weaving and Carpets Museum ist am anderen Ende der Museums-Timeline in Marrakesch angesiedelt: es wurde erst 2018 wiedereröffnet – als Teil der National Foundation of Maroccan Museums (FNM) – und entspricht dem, was wir uns von einem Museum im 21. Jahrhundert erwarten: zugängliche Informationen (dreisprachig), Orientierungspläne, Labels, digitale Medien und aufmerksame Aufsichten. Aber: Kulturvermittlungsangebot gibt es leider auch hier keines. Das gleiche gilt für das Musée Dar El Bacha – Musée des Confluences (Eröffnung 2015) und das Musée Yves Saint Laurent Marrakech (Eröffnung 2017). Beide sind in ganz herausragenden Gebäuden untergebracht und zeigen einzigartige Sammlungen. Tipp: unbedingt das Musée Berbère und den Jardin Majorelle an den Besuch des Musée Yves Saint Laurent anhängen. Das Berbermusem ist sehr gut aufbereitet und bietet einen starken Gegensatz zum Musée Tiskwin – Collection Bert Flint.

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Andere erst kürzliche eröffnete Museen bieten mehrere Einstiegspunkte und Vermittlungsformate. Das Museum of African Contemporary Art Al Maaden (MACAAL) in Marrakesch ist eine unabhängige, non-profit Institution für zeitgenössische Kunst. Leider finden sich auf der Website keine Hinweise auf ein Kulturvermittlungsangebot, die Facebook Seite informiert jedoch über  Filmabende, Story-Telling Workshops u.a.

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Eine andere Form der Kulturvermittlung findet sich dafür dort, wo sie offiziell nicht erwartet werden kann: im unvollendeten Royal Theater. Das Gebäude ist eigentlich nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Wer jedoch Glück hat, trifft auf einen motivierten Portier, der gegen ein kleines Trinkgeld eine Privatführung durch die Räume gibt und in einer Mischung aus Englisch, Französisch und wildem Gestikulieren Informationen zu Park, Open-Air Arena, Besucherraum und Backstage-Bereich gibt. Ein spannender Besuch, der bestimmt (nicht nur wegen der ungesicherten Tiefe des Theaterbodens) einen bleibenden Eindruck hinterlasst.

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Fazit

Die Museen in Marrakesch spiegelt die bunte Vielfalt der Stadt wider: kulturell, sprachlich, infrastrukturell und professionell. Das macht den Charme beider aus. Bedauerlicherweise bleibt jedoch vieles in den Kulturinstitutionen für die (ausländischen) Besuchenden unzugänglich: die Barrierefreiheit auf der sprachlichen und körperlichen Ebene ist selten gewährleistet. Kulturvermittlung seitens der Institutionen gibt es wenig bis keine und die voherrschende Sprachen bei Texten sind Arabisch und Französisch. Museumspläne, Flyer und digitale Vermittlungstools sind vor allem auf die neuen Museen beschränkt, ebenso Transparenz und Provenienz bzgl. der Objekte und echte Dialogangebote.

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