Kulturvermittung in Zeiten von Corona

Die physischen Museumsträume sind aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona Virus (COVID 19) noch länger als erwartet geschlossen. Sehr viele Museen weichen deshalb in den digitalen Raum aus, um mit ihren Besucher/innen in Kontakt zu bleiben. Das Angebot reicht von virtuellen Führungen, Bastelwettbewerben bis hin zu partizipativen Projekten. Museen wollen auch – bzw. besonders – in der aktuellen Krise einen wertvollen bzw. relevanten Beitrag für die Gesellschaft leisten. Mit welchen Formaten passiert das? Welche Bedürfnisse der Interaktionspartner_innen werden dabei angesprochen? Der folgende Artikel versucht diese Fragen vor dem Hintergrund verständigungsorientierter Museumskommunikation (VOMK) zu beantworten.

Virtuelle Führung

Kunstvermittler_innen, Kurator_innen und Direktor_innen führen in Videos durch die laufenden Ausstellungen. Z.B.

Eine Subkategorie sind #FromHome Rundgänge. Hier geben Mitarbeiter_innen aus dem Homeoffice in kurzen Videos Einblick in die Ausstellung oder Sammlung. So z.B. das Rijksmuseum mit #Rijksmuseumfromhome.

Der digitale Rundgang ist ein rein informatives Format. Die Dauer der Rundgänge ist sehr verschieden: von einigen Minuten bis zu einer halben Stunde. Angesprochen werden ein Bedürfnis nach Information und Wissen. Spirituelle Motive sowie die Aura des Objektes können nicht adressiert werden (das ist aber auch nicht das Ziel). Der Kommunikationsfluss ist im informativen Kommunikationsmodus grundsätzlich einseitig – es besteht keine Möglichkeit eines direkten Feedbacks. Gut eingesetzt, kann das Format trotzdem die Beziehung zu den Besucher_innen aufrecht erhalten, v.a. wenn es sich um eine Serie handelt.

Bild & Text

Eine weitere Möglichkeit, wie Museen aktuell einen Einblick in Ausstellungen und Sammlungen ermöglichen, ist die Präsentation einzelner Exponate in Bild und Text in Form von kurzen Beiträgen auf Social Media oder der Website. So z.B. die Künstlerhaus Vereinigung in Wien. Sind die Objekte in eine digitale Sammlung eingebunden, ist eine vertiefte Auseinandersetzungmöglich und intellektuelle Bedürfnisse können besser erfüllt werden.

Google Arts and Culture

Neben den für Corona Zeit produzierten digitalen Führungen, werden nun digitale Rundgänge wie z.B. über Google Arts and Culture vermehrt kommuniziert. Sie ermöglichen einen Zugang zu den Sammlungen und folgen dabei dem rein informativen Modus.

Live Stream

Wird eine virtuelle Führung als Live-Event angelegt oder mit einem Live Element verknüpft, kann ein diskursiver Kommunikationsmodus ermöglicht werden und eine diskursive Öffentlichkeit kann sich bilden. z.B.:

So werden die Vorteile personeller Vermittlung ins Web geholt und durch die Unabhängigkeit der räumlichen Verortung der Kommunikationspartner_innen die Reichweite (geographisch, zahlenmäßig) gesteigert. Live Angebote machen jedoch nur dann Sinn, wenn es die Möglichkeit zur Interaktion gibt. Menschen live anzusprechen, sie jedoch nicht zum Dialog einzuladen, kann der Glaubwürdigkeit der Institution schaden.

Digitale Ausstellung

Die Aufbereitung digitaler Ausstellungen reicht von einer thematischen Sammlung von Exponaten bis hin zu virtuell erkundbaren Museumräumen. Z.B.:

Manch digitale Ausstellungen wachsen während der Ausstellungsdauer. Das Museum Burg Posterstein übersetzt die Fotografie-Ausstellung „Landschaft nach der Wismut – Fotografie von Karl-Heinz Rothenberger“ in eine digitale Begleitausstellung, die über Blogposts entsteht. Andere Präsentationen entstehen durch die Partizipation der Bevölkerung. Einige Institutionen rufen zum Einbringen von Beiträgen zum Corona-Alltag auf: z.B. das Architekturzentrum Wien mit #WieWirCoronaWohnen oder das HdGÖ mit Bildlandschaften.

Digitale Ausstellungen reichen von einem rein informativen bis hin zu einem partizipativen Format. Desto größer das Interaktions- und Partizipationspotential für die Besucher_innen ist, desto stärker werden neben intellektuellen auch emotionale Bedürfnisse angesprochen. So kann zu den Interaktionspartner_innen zu Hause Vertrauen und eine langfristige Beziehung aufgebaut werden.

Bastelanleitung, DIY, Workshop

Bastelanleitungen für Kinder und Familien werden in Text, Foto und/oder Video umgesetzt. Sie werden über Newsletter und soziale Medien sowie Hashtags kommuniziert, z.B. #archikidsathome,  #ArtToTheKids.

Manche Museen laden die Teilnehmenden ein, eigene Kreationen zu teilen, entweder über einen Hashtag oder per E-Mail. Dadurch wird ein Element der Teilhabe geschaffen, die Teilnehmer_innen werden Teil einer Community.

Ein spannendes Projekt, das Anregungen um Gestalten, DIY und Partizipation verbindet, ist Schrott Robot des Museum für Kommunikation Frankfurt. Die Menschen werden aufgefordert Schrott-Kunst-Objekte zu erfinden, die dann in einer virtuellen Ausstellung präsentiert werden.

Selten – wie im realen Museumsraum auch – sind Workshops für Erwachsene. Beispiele hier sind der Workshop with Sanne Visser des The Design Museum London oder Drop-in Drawing—How to Make a Botanical Drawing des Metropolitan Museum of Art, New York.

Die Anleitungen treffen sicher auf ein Bedürfnis (von Kindern und Eltern) sich zu Hause kreativ zu beschäftigen. Soziale Bedürfnisse und der Wunsch nach (kreativer) Unterhaltung werden angesprochen. Es ist jedoch zu bedenken, dass für Vorlagen zum Drucken ein entsprechendes Gerät vorhanden sein muss. Bzgl. der praktischen Nutzung der Anleitungen ist die Zusammenstellung auf der Museumswebsite vorteilhaft. So können ältere Kinder alleine nach ihren Favoriten suchen. Kurze Videos auf Social Media zielen eher auf die Eltern als Zielgruppe und Multiplikator_innen.

Podcast

Viele Museen haben neue Konzepte entwickelt oder vorhandene endlich umgesetzt. z.B. das Salzburg Museum mit Museum am Sofa, das Karikaturmuseum Krems oder das Keltenmuseum Hallein. Podcasts sind ein informatives Format und sehr leicht zugänglich. Die Beiträge können meist über die Museumswebsite oder die Soundcloud App heruntergeladen werden. Podcasts erfüllen v.a. intellektuelle Bedürfnisse wie Lernen und Weiterbildung, aber auch emotionale Motive wie Freude und Genuss.

Im Naturhistorische Museum in Wien erzählen Vermittler_innen und Wissenschafter_innen in kurzen Videos jede Woche neue Geschichten für Kinder und Familien und zeigen kleine Forschungsaufgaben. Die Sammlung wird laufend erweitert: #NHMWienFromHome. Auch das Deutsche Museum München hat einen Videopodcast: Wissenschaft für jedermann.

Viele Institutionen machen auch die Inhalte ihrer Audioguides online zugänglich, wie z.B. das MET.

App

Museum Apps sind auch jetzt eine gute Möglichkeit sich mit den Sammlungen auf einer informativen und unterhaltsamen Ebene zu beschäftigen. So Z.B. die webbasierte MAK Lab App.

Museum Backstage

Blicke hinter die Kulissen der Museen sind auch während der Schließzeit gefragt. Ausführlichere Einblicke werden oft auf dem Museumsblog veröffentlicht, z.B. bei der Ars Electronica. Neben den Museumsräumen wird in der Corona Zeit auch der Blick ins Homeoffice der Mitarbeiter_innen interessant. Das kann über Beiträge auf Social Media und dem Blog oder in Form von #FromHome Videos stattfinden, z.B. mumok insider Backstage Einblicke sprechen v.a. emotionale Motive an. Sie schaffen Transparenz, Authentizität und sind ein Bausteine für Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Quiz

Quizfragen auf Social Media Kanälen sind eine einfache Möglichkeit den Interaktionspartner einzubinden und Bedürfnisse nach Unterhaltung und sozialer Interaktion anzusprechen. Das tun z.B. die Österreichische Nationalbibliothek in ihren Instagram Storys, das V&A auf Twitter oder das Hofmobiliendepot auf Facebook.

Film | Video | Katalog

Bereits produziertes Film- und Videomaterial wird auf der Website und Social Media Kanälen angeboten. Auch Kataloge und Drucksorten werden digitalisiert. Das ermöglicht eine intensivere Auseinandersetzung mit den Themen auf (meist) intellektueller Ebene. Die Kommunikation ist einseitig, aber diesen Medien eigen und auch nicht anders erwartbar.

Fazit

Informationsvermittlung, Bildung, Unterhaltung und Relevanz sind im digitalen Raum möglich. Intellektuelle und emotionale Bedürfnisse wie Freude, Genuss und Unterhaltung können im digitalen Raum adressiert werden. Spirituelle Motive wie Kontemplation und Eskapismus sind hingegen im digitalen Museum schwerer umsetzbar – die aktuell immer wieder viel zitierte Aura des Objektes kann nicht digitalisiert werden. Aber das ist auch gar nicht das Ziel. Der digitale Museumsbesuch will den realen nicht ersetzen. Grundsätzlich sind die Angebote im digitalen Raum für alle – die über die technische Infrastruktur verfügen – zugänglich und meist mit keinen Kosten verbunden. Wie die Corona-Format letztendlich rezipiert werden, welche Wirkung sie bei den User_innen entfalten und welche Bedürfnisse sie stillen können, ist eine zentrale Frage für die Besucher_innenforschung.

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