Zugang

Einen breiten Zugang zu kulturellen Institutionen zu ermöglichen, ist ein aktuelles Thema der Kulturpolitik. Zugang wird dabei eng verbunden mit Inklusion: der Zugang für möglichst viele Besucher_innengruppen soll über gezielte Marketingaktionen und v.a. Vermittlungsprogramme geschaffen werden.

Unsere Gesellschaft wird zunehmend diverser und älter. Dementsprechend vielfältiger werden die Zielgruppen von Kulturinstitutionen: ältere Menschen, Eltern mit Babys und Kleinkindern, Menschen mit transkulturellem und Migrations-Hintergrund u.v.m. All diesen Gruppen muss die Institution passende Zugänge ermöglichen – offline und online, physisch und intellektuell. Zugang ist eine wesentliche strukturelle Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation, nachhaltiges Audience Development und den langfristigen Aufbau von Relevanz für die Gesellschaft (Fiedler/Harrer 2017).

Zugang auf mehreren Ebenen

Zugang bedeutet, die grundlegenden Strukturen zu schaffen, damit Kommunikationspartner_innen – aktuelle, potentielle und vormals unterrepräsentierte / exkludierte Gruppen – mit einer Institution in Kontakt treten können: offline und online, physisch wie intellektuell. Zugang umfasst dabei mehrere Ebenen (Fiedler/Harrer 2017):

  • barrierefreier Zugang in physischer wie sensorieller Hinsicht
  • intellektueller Zugang zu den vermittelten Inhalten
  • interaktiver Zugang
  • repräsentativer Zugang

Zugang Oeffnung_web

Barrierefreier Zugang zum Kommunikationsraum

Zugang wird v.a. mit einem barrierefreien Zugang zum physischen Kulturgebäude und den darin realisierten Programmen / Ausstellungen gleichgesetzt: „There are two elements [of access]: the physical and the philosophical. Museums are coming to terms with the first.“ (Museums Association, Ethical Guidelines 4 – Access). Dieser Bereich liegt im Fokus vieler Institutionen.

Universal Design ist für die barrierefreie Planung von Infrastrukturen und Ausstellungen eine Hilfestellung. Es wurde in der Architektur für den gleichwertigen Zugang zu Raum und Produkten für Menschen mit Beeinträchtigung entwickelt. Es hilft jedoch einer Vielzahl an (potentiellen) Kommunikationspartner_innen: ältere Menschen, Menschen mit Kindern etc. Eine Orientierung bietet auch die ÖNORM B1600Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen

Der barrierefreie physische Zugang umfasst auch den sensoriellen Zugang zum Kommunikationsraum (offline wie online). Hier geht es um die Zugänglichkeit zu den Inhalten, die eine Institution über eine Kombination vieler Medien vermittelt: Website, Flyer / Folder, Ausstellungstexte, Kataloge etc. Barrieren können hier in zu kleinen Schriftgrößen, ungenügenden Farbkontrasten, fehlender Sprachausgabe liegen. Ist z.B. der Text auf einem Flyer für Besucher_innen nicht visuell erfassbar ist, weil die Schriftgröße zu klein ist, oder die Website auf einem Tablett nicht lesbar, da sie nicht responsiv ist (d.h. das Ausgabeformat passt sich nicht dem Endgerät an), ist der Zugang zu den angebotenen Informationen in struktureller Hinsicht nicht gegeben. (Für einen Überblick siehe auch WKO: FAQs Barrierefreiheit und Sozialministerium: Häufig gestellte Fragen zu „Barrierefreiheit“.

Bei der Evaluation der Ausgangsituation und der Planung und Umsetzung von konkreten Maßnahmen zur Zugänglichmachung kann auf diverse Guidelines und Standards zurückgegriffen werden: z.B. Lesbarkeitsstandards siehe Dean (1994) und DIN 1450; Smithsonian Guidelines for Accessible Exhibition Design, Universal Design u.v.m. Genauso wichtig ist jedoch, die angesprochenen Communities in den Prozess zu involvieren und ihre Expertise zu berücksichtigen (das bezieht sich auf alle Ebenen der Zugänglichmachung).

Intellektueller Zugang zu den vermittelten Inhalten

Eine Institution muss verschiedene Informationsniveaus und verschiedene Ansätze der Wissensvermittlung anbieten: von Einleitungs- und Einführungstexten bis hin zu tiefgreifenden Auseinandersetzungen (MacDonald/Alford 2010: 77f). So können alle Menschen Informationen erhalten, ohne einen Informationsüberfluss oder eine Frustration aufgrund einer zu hohen Informationsdichte oder -komplexität zu erleiden. Das Anbieten verschiedener Niveaus und Sprachebenen gilt wie immer für alle Kommunikationsbereiche und Vermittlungsformate im offline und online Bereich.

Viele Institutionen bieten inzwischen einen Websitebereich, Drucksorten und Vermittlungsformate in leichter / einfacher Sprache an. Z.B. Staatliche Museen zu Berlin, Deutsches Hygienemuseum. In Österreich hat sich das Salzburg Museum als eines der ersten zum Ziel gesetzt, eine Institution für alle zu werden. Der Schwerpunkt wurde in diesem Sinne auf die kommunikative Barrierefreiheit gelegt. Denn kompliziert formulierte Texte und Vermittlungsformate, die viel Vorwissen benötigen, halten viele von einem Museumsbesuch ab. Um diese Barrieren abzubauen werden seit 2013 Führungen in leichter Sprache und Gebärdensprache angeboten und Informationsmaterialien leicht verständlich formuliert (museumspraxis.at). Auch im Dommuseum Wien wird mit einfacher Sprache gearbeitet. Ein entsprechendes Booklet zu Sammlungsobjekten ist verfügbar (siehe Beitrag vom Dezember 2017).

Der intellektuelle Zugang basiert auf dem grundlegenden Anspruch der Verständlichkeit auf der sprachliche Ebene. Verständlichkeit umfasst neben dem Einhalten grammatikalischer Regeln und dem Erklären von Fachtermini das Angebot in verschiedenen Sprachen. Darunter fällt auch die Gebärdensprache. V.a. große Institutionen bieten Vermittlungsformate in DGS / ÖGS an (wenn auch meist auf die Sammlungen beschränkt). Die Hamburger Kunsthalle hat barrierefreie Führungen für Gehörlose in deutscher Gebärdensprache. Im Belvedere in Wien vermittelt ein Multimedia Guide in ÖGS Informationen zur Sammlung.

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Interaktiver Zugang zur Institution Museum und seinen Sammlungen

Der Zugang zum Kommunikationsraum Museum umfasst auch die Zugänglichmachung von gesammelten Informationen und Objekten (Latham/Simmons 2014: 58; Museums Association, Ethical Guidelines 4 – Access). Die Zugänglichmachung von Sammlungen und damit verbundenen Informationen kann offline wie online passieren. Eine traditionelle Form liegt in in der Leihgabe von Objekten an andere Institutionen: “The museum seeks to make the collections accessible through an intensive programme of short and long term loans to a number of partner institutions in London, the UK and abroad.” (Museum of London, Website) Das Reading Museum (Reading / UK) bietet school loan boxes.

Weiters gibt es Outreach-Aktivitäten in Form von Programmen und mobilen Präsentationen in Bussen bzw. Trucks. Z.B. das Susquehanna Art Museum in Harrisburg/USA mit seinem VanGO! to Your School oder das MAC – Mobile Museum von Fife in Schottland. Das Bronx Childrens Museum ist vollkommen mobil. Ohne festes Gebäude realisiert es Programme dort, wie Kinder und ihre Familien sind: in Schulen, Bibliotheken, Obdachlosenheimen, Parks, Krankenhäuser u.v.m. Zudem gibt es einen Museums Bus.

Currently a “museum without walls,” BxCM serves almost 18,000 Bronx residents annually. Through innovative mobile programming, BxCM engages children and adults in the arts and sciences using its bus as a roving learning environment.” (Bronx Childrens Museum)

Eine reiche Publikationstätigkeit und die vor allem die Digitalisierung der Sammlung und deren Open Access sorgen für einen interaktiven Zugang zu den gesammelten Inhalten. (Smithsonian Guidelines for Accessible Exhibition Design). Ein Vorreiter ist in diesem Bereich ist das Rijksmuseum in Amsterdam. Es stellt seine gesamte Online-Sammlung hochauflösend, rechtefrei und ohne Einschränkungen in der Weiterverwendung zur Verfügung. Nutzer_innen können mit den Images T-Shirts bedrucken oder ihr Auto verschönern (Rijksstudio).

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Anonym, 1930 – 1940, honden van de poppendokter met reclameteksten voor verkie- zing van Asscher | Rijksmuseum, http://www.rijksmuseum.nl/nl/collectie/RP-F-F00906-BB

Die Digitalisierung ihrer Sammlungen ist heute für viele Institutionen ein Anliegen, die Umsetzung ein langfristiges und kostspieliges Unterfangen. Die Freigabe der Daten zur Weiterverwendung wird unterschiedlich geregelt. Hier eine kleine Auswahl an Onlinesammlungen:

Interaktiver Zugang bedeutet auch, dass die Institution für ihre Kommunikationspartner_innen permanent über einen Kanal erreichbar ist. „Visitors expect information when they want it, how they want it, and specific to the purpose.” (Devine, 2015). Gerade der digitale Kommunikationsbereich schafft hier einen permanenten Zugang.

Repräsentativer Zugang zur Institution Museum

Zugang ist auch das Aufbrechen von Personalstrukturen, denn eine inklusive Institution muss Chancengleichheit als grundlegenden Parameter in seinen Organisationsstrukturen erfüllen.

„By reflecting the diversity of our society in our working practices, by being inclusive, everyone benefits and so does the art. If there is a will for change, there is – I promise you – a way. (Bickerton in: Museums Association 2016)

Fazit

Die Öffnung kommunikativer und personeller Strukturen bietet Kulturinstitutionen die Change, neue Zielgruppen anzusprechen, mit ihnen in einen Dialog zu treten und sich langfristig als dynamischen, relevanten, vielstimmigen und zugänglichen Community-Ort zu positionieren. Durch gezielte Maßnahmen können auch jene Personen angesprochen werden, die kulturelle Institutionen bisher als unsozial, elitär und autoritär ansahen

Digitale und multimediale Kommunikations- und Informationstechnologien können Institutionen helfen, Zugangsbarrieren auf kommunikativer Ebene zu minimieren. Informationen sind jederzeit ortsunabhängig abrufbar, verschiedene Sprachen und Informationsniveaus können angeboten werden, Erläuterungen für Besucher_innen mit unterschiedlichem Vorwissen bzw. Sprachkenntnissen können in die Kommunikation integriert werden (Gotrian, 2014). Ein schönes Beispiel ist hier der Audioguide in Leichter Sprache des Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Er steht auf der Website des Museums zur Verfügung und ist somit jederzeit jederorts abrufbar – vor, während und nach dem Ausstellungsbesuch. Oder auch unabhängig davon. Jedoch müssen auch hier die Spezifika digitaler Kommunikationskanäle und die Wünsche der Kommunikationspartner_innen beachtet werden. Nicht jede Zielgruppe hat ein digitales Endgerät, nicht überall ist W-Lan verfügbar und manche Zielgruppen bevorzugen den direkten persönlichen Austausch. Digitale Medien können und dürfen nicht als Allheilmittel in der Menge der zu vermittelnden Inhalte betrachtet werden. Eine Kombination aus offline und online Medien und Kanälen ist immer anzubieten.

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Links Institutionen

Literatur

  • Bickerton in: Museums Association 2016, aufgerufen am 15.2.2016.
  • Dean, David (1996): Museum Exhibition. Theory and Practice. London / New York:
    Routledge.
  • Devine, Catherine (2015):  The Museum Digital Experience: Considering the Visitor’s Journey, paper presented to the MWA2015: Museums and the Web Asia 2015, 15 August 2015, aufgerufen am 20.6.2016.
  • DIN 1450, www.beuth.de/de/norm/din-1450/170093157, aufgerufen am 18.4.2016.
  • Fiedler, Isabell / Harrer, Olivia (2017): Das kommunikative Museum. Dissertation (Universität Wien / Fakultät für Sozialwissenschaften).
  • Grotrian, Etta (2014): Erfolgsfaktor Benutzerfreundlichkeit – Medieneinsatz im Museum. In: Hausmann, Andrea / Fenzel, Linda (Hg.) (2014): Kunstvermittlung 2.0: Neue Medien und ihre Potenziale. Wiesbaden: Springer Verlag, S. 123-131.
  • Latham, Kiersten F. / Simmons, John E. (2014): Foundations of Museum Studies: Evolving Systems of Knowledge:Evolving Systems of Knowledge ABC-CLIO.
  • MacDonald, George F. / Alsford, Stephen (2010): The Museum as Information Utility. In: Parry, Ross (Hg.) (2010): Museums in a Digital Age. London / New York: Routledge, S. 72-77.
  • Museums Association (o.J.), Ethical Guidelines 4 – Access, aufgerufen am 5.1.2017.
  • Museumspraxis.at, http://museumspraxis.at/?p=997, aufgerufen am 31.5.2018.
  • ÖNORM B1600: Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen (2005), aufgerufen am 2.6.2018.
  • Skartveit, Hanne-Lovise / Goodnow, Katherine J. (2010): Changes in Museum Practice: New Media, Refugees and Participation. Oxford / New York: Berghahn Books.
  • Smithsonian Guidelines for Accessible Exhibition Design, aufgerufen am 5.1.2017.
  • Sozialministerium | BM für Arbeit, Soziales und Kosumentenschutz, Wien. (o.J.): Häufig gestellte Fragen zu „Barrierefreiheit“, aufgerufen am 2.6.2018.
  • WKO (2015): FAQs Barriererfreiheit, aufgerufen am 2.6.2018.

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